Der ewige Wanderer

 

 

 

Der ewige Wanderer

 

 

Ein Gedanke nur, ein Licht, ein Sein, 

allmächtig, unsterblich, Weite und Liebe, 

ein Spiel mit sich selbst, das Kreise zieht, 

lebendig wird, sich wieder verliert,

herabgestiegen von lichten Höhen, 

wähnend unendliche Möglichkeiten, 

eingetaucht in der Materie Urgrund, 

in die dichte Unbewegtheit der Zeiten.

Ein ewiges Sein, das allein und frei 

das Opfer auf sich nimmt, um dort zu gestalten 

von Form zu Form, Geburt auf Geburt, 

mit unbewusster Macht zu walten.

Ein Vieles sein, sich im Du zu erkennen, 

sich an Grenzen binden, 

sich neu zu erfinden.

 

Doch hoch ist der Preis, Vergessen tritt ein, 

Lage um Lage hüllt der Wanderer sich ein, 

als Zelle des Ursprungs, ein Punkt der Materie, 

dann träumend als unbewusstes Sein.

Erstarrt im Stein, hin zu pflanzlichem Sein 

eilt der Geist voran und hüllt sich ein. 

Zu Beginn noch einfach entwickelt sich bald 

eine Vielheit des Ausdrucks, viel mehr als im Stein. 

Die Seele erfindet, erprobt, erkundet, 

verbirgt in unzähligen Schichten ihr Sein.

Ein eitler Begleiter, der mehr und mehr 

das Ruder ergreift - sich brüstend – erscheint, 

zunächst nur Instinkt, dann fast schon Vorsatz, 

im tierischen Mantel, das Du wird zum Feind.

Es zählt Überleben, zu schützen es gilt, 

Flucht oder Angriff, das Leben verroht.

 

Im Innersten waltet geduldig die Seele 

verborgen im Kern und wartet der Stunde, 

sie arbeitet aus, gebiert Form um Form, 

gestaltet in Vielheit und Runde um Runde.

Instinkt wird zu Wissen, man nennt es „Verstand“, 

des Menschen Stunde, jetzt bricht sie an. 

Doch groß ist das Erbe vergangener Zeiten, 

es klebt wie ein stilles Vermächtnis daran: 

Die Trägheit des Steines, gespeichert im Leib, 

der Argwohn im Körper des Tieres noch heut.

Was hat sich geändert vom Tierreich zum Menschsein, 

führt er ein Leben, das ihn erfreut?

Das Misstrauen, die Vorsicht, der Trieb der Erhaltung, 

das Du, das bleibt ihm ein möglicher Feind. 

Die Liebe ist dienlich, gebunden, nicht zweckfrei, 

das Messen der Kraft und der Klugheit erscheint 

dem Menschen als nötig, das Leben zu sichern, 

das Fließen des Seins wird ein Stolpern der Nacht, 

blind für die unendliche Weisheit und Macht, 

die alle seine Schritte bewacht, 

die lenkt und steuert mit sanfter Hand, 

korrigiert und eingreift, das Schlimmste verhindert, 

die Führung der Wahrheit, der Liebe und Umsicht, 

oft von der stolzen Klugheit behindert.

Er wähnt sich als Herrscher des Seins ganz allein, 

als Schöpfer all dessen, was er sieht, 

merkt nicht, dass er von seinem Ursprung flieht.

Geblendet, verleitet, gebunden, verletzt, 

glaubt er, was er fühlt und ringt mit sich, 

geerbte Materie, ein Körper umhüllt ihn, 

geboren aus vielen, zu dem sagt er „Ich“

nicht ahnend, dass in ihm der Ahnen Erlebnis, 

Meinung und Leid gespeichert sind, 

hält diese für seine, schaut durch ihre Brille 

und gibt sie dann weiter ans nächste Kind.

 

Im Innersten ruht das seelische Wesen, 

unendlich still, nicht verloren, vergessen 

vom Ego des Menschen, unendlichen Schichten, 

der Preis der Zeiten und all dessen, 

was nötig schien der Evolution 

herauszuarbeiten Ton um Ton 

für den großen Gesang, eine Welt im Werden – 

die Morgenröte, sie dämmert schon!

Ein lichter Moment erhellt das Bewusstsein 

im Herzen des Menschen, kaum bemerkt, 

taucht wieder unter in träges Vergessen, 

und doch fühlt der Mensch sich seltsam gestärkt.

Nur dieser eine Moment der Wahrheit, 

ein Spalt in der Tür und Erinnrung ist da, 

viel wahrer als alles, das er sonst kennt und 

seine stolze Wahrheit nennt.

Verlorene Weisheit, nicht Wissen, nur Ahnung, 

doch machtvoll bahnt sie sich den Weg, 

vertrauend, voll Hoffnung und Demut lauschend 

hütet er achtsam den neuen Steg.

Nährt seinen Glauben, taucht ein in sein Herz, 

lauscht in der Stille dem Flüstern und sucht es, 

getrieben vor Sehnsucht, dass es wieder sei, 

erkennt er doch endlich ein süßes Vertrautes.

Noch schweigt er darüber, behält es für sich, 

das Leben da draußen, was weiß es schon 

von diesem feinen fast tonlosen Ton?

Hübsche Komödien, Gefahren und Drama, 

Leid und Kampf und wenig Freud, 

Rechthaberei der ach so Klugen, 

Lüge ist Status, der Bessere sei!

So hütet er still das neue Gefühl, 

Geborgenheit, Weite, ein Lachen, Humor, 

das Spiel des Höchsten hat er erkannt, 

sich selber spielt dieser da draußen was vor: 

Geschichten der Mutter, den Kampf des Vaters, 

das Erbe der Vorfahrn, ihr lautes Geschrei!

Doch nur die Stille in der Tiefe des Herzens 

legt jene Ahnung wieder frei, 

den Plan der Seele, des höchsten Absicht, 

zu spalten sich in die Vielheit der Formen, 

sich selbst zu begegnen, zu lieben und lachen, 

doch ohne Fesseln, frei von den Normen, 

ein Göttliches Wesen in Materie geboren 

verwandelt es diese von innen heraus, 

ein hohes Ziel, das festgeschrieben, 

Gewissheit für den, der folgen will.

Ein sanftes Rieseln durchströmt die Glieder, 

der Körper weiß und labt sich daran, 

der Sonne Nektar, heilsame Liebkosung, 

der Ruf der Seele zog es an.

 

Doch zäh ist das Netz, in das wir verstrickt, 

auch wenn ein kurzer Blick ist geglückt 

in ein wahreres Sein ohne Leid und Schmerz, 

das die Evolution uns aufs Auge gedrückt.

Ein Anflug von Sanftmut, ein liebendes Sein – 

im nächsten Moment holt der Argwohn uns ein.

Der Hochmut verzieht das sarkastische Gesicht, 

als Unsinn bezeichnet er unsere Sicht.

Der Ängstliche zweifelt an der Stimme Versprechen, 

zu schön die Geschichte, um wahr zu sein, 

gezeichnet vom Leid glaubt er lieber die seine, 

von Mühsal und Pein, denn „So wird’s immer sein!“.

Der Kluge verweist auf der Wissenschaft Hoheit, 

glaubt nur, was er sieht, "Das wär doch gelacht!"

er schwört auf die Fakten, die Technologie, 

den Fortschritt der Menschheit, „Darin liegt die Macht!“ 

Wer anders denkt ist für ihn nur ein Narr, 

ein Dummschwätzer, vielmehr ein Illusionist, 

wer glaubt schon an Märchen und an einen Gott, 

der hängt doch am Kreuz, „Das ist doch Mist!“

Der begrenzte Verstand wälzt sich selbstgefällig 

in seinem Wissen über eine sterbende Welt.

 

Der Schweigende bleibt in sich gekehrt, 

vom übermächtigen Bewusstsein erhellt,

nimmt auf sich den Schmerz der neuen Geburt 

bis auf den Grund der zähen Materie, 

erwartet als Seele, mit der er vereinigt, 

voll Sehnsucht die Stunde der neuen Welt. 

Das wahre Sein, sich selbst versprochen,

seit Anbeginn der Zeit ungebrochen.

 

 

 © 2011 Inge Hartmann

 

 

 

 

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