Vergebung

 

 

 

Die Welt kennt drei Arten von Revolution.

Die materielle zeitigt große Ergebnisse, die moralische und intellektuelle sind unendlich viel weiter in ihrem Ausmaß und reicher in ihrem Ertrag, aber die spirituellen sind die großen Aussaaten.

 

Sri Aurobindo

 

 

 

Wenn ein Mensch heute viele Schicksalsschläge erlitten hat und sich aufgrund dessen etwas vom lauten Lärm des äußeren Lebens zurückzieht, wird ihm das nicht selten als Schwäche ausgelegt. Glaubt man manchen Psychotherapeuten, so könnte man annehmen, dass solche Menschen für ihr Leben gezeichnet sind, psychisch schwach und labil und nicht mehr fähig, ihr Leben auf gesunde Art und Weise zu meistern.

Auf nicht wenige mag das sogar zutreffen, denn die Opferrolle wurde uns bewusst anerzogen und Psychopharmaka tun oft das Übrige. 

Doch wer an Schicksalsschlägen wächst, auch, wenn sie Wunden und Narben hinterlassen haben, ist auf dem besten Weg, seine Seele zu finden. Denn zuweilen helfen diese "Schläge", um uns bis ins Innerste unseres Seins aufzubrechen. Das geschieht sehr oft, wenn wir eine größere Lebensaufgabe vor uns haben.

Im Verlauf dessen kommen wir mit allen Facetten der Vergebung in Berührung.  Auch ist es meist nicht mit einer einmaligen Erkenntnis getan, sondern wir müssen uns über eine längere Zeit hinweg immer wieder darum bemühen.  

 

Aufgrund meiner eigenen Biografie bis heute halte ich mich für kompetent, einen Blogeintrag zum Thema Vergebung zu verfassen, der nicht gespieltes Lippenbekenntnis ist, sondern erlebte Tatsache. Ich kenne die Bandbreite der emotionalen Reaktionen, die sich in uns erheben, wenn wir ungerecht behandelt oder gar misshandelt werden. Ich kenne den Schmerz, ich kenne den Wunsch, dem anderen würde doch bitte einmal dasselbe widerfahren, dann wüsste er, wie sich das anfühlt, dann würde er vielleicht verstehen ...

Glaubensmuster, die über Jahrzehnte hinweg erhalten bleiben und unser Leben vergiften können, wenn wir sie nicht überwinden. Es ist in etwa so, als würden wir mit dem Gesicht nach hinten durch die Welt laufen. Kein Wunder, wenn wir uns immer wieder stoßen.  

 

Auch jetzt fällt mir wieder auf, seit viele Wahrheiten über den Deepstate und die Ermordung von John F. Kennedy ans Licht kommen, wie wenig die Menschen, auch jene, die sich für fortschrittlich und aufgeklärt halten, den Unterschied kennen zwischen dem Wunsch nach Rache und dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit und worin die Folgen für sie selbst liegen. Doch welchen Nutzen hat es dann, von seelischer Verwirklichung zu schwadronieren, wenn man die wahren Absichten und die Beschaffenheit des eigenen seelischen Wesens gar nicht wahrhaben möchte?  

 

 

 

Was die Seele sieht und erfahren hat, das weiß sie;

das Übrige ist Schein, Vorurteil und Meinung. 

 

Sri Aurobindo

 

 

 

 

   Jeder von uns war höchstwahrscheinlich schon etliche Male inkarniert, in diversen Kulturkreisen und Ländern, in denen unterschiedliche Vorstellungen von Moral herrschen und die z.T. gegenläufige Glaubensmuster in uns anlegten. Sri Aurobindo sprach nicht ohne Grund von "our many selves". Solange diese oft widersprüchlichen Persönlichkeitsanteile nicht um unser seelisches Wesen herum geeint sind und seiner Führung unterliegen, fallen wir immer wieder in wenig zuträgliche Muster alter Gewohnheiten zurück.   

 

   Wir waren im Laufe unserer menschlichen Evolution mit Sicherheit sowohl Opfer als auch Täter, wer also will den ersten Stein aufheben?

 

   Vergebung bedeutet nicht, die Schandtaten eines anderen zu tolerieren, sondern sie hat damit zu tun, uns von der Schwingungsebene der Rache, Wut und des Schmerzes zu entkoppeln, damit wir selbst weitergehen können. Wer jemandem etwas nachträgt, ist derjenige, der trägt.  

 

   Vollkommene Vergebung ohne verdeckte emotionale „Negativ-Rückstände“ ist nur dann möglich, wenn die volle Wahrheit gesehen und anerkannt wird. Verdrängter Groll und Wut schwelen im Unterbewusstsein weiter und führen häufig zu Erkrankungen. Wozu sie am Laufen halten? Krebs ist eine typische Erkrankung dafür, solch dunkle Bereiche "in sich hineinzufressen", zu verdrängen oder heimlich zu kultivieren.  

Zuweilen werden wir diesem Zustand jedoch aus karmischen Gründen über längere Zeit ausgesetzt und brauchen viel Geduld, um immer tiefer in die Zusammenhänge einzutauchen, um in ein bestimmtes Handeln zu kommen und uns weiterzuentwickeln, bevor Erleichterung eintritt. Doch die Wahrheit kommt früher oder später immer ans Licht, egal auf welche Weise.  

 

   Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Es ist von Gott anerkannt und es wurde uns versprochen, dass für jeden von uns Gerechtigkeit kommen wird. 

Zu keiner Zeit jedoch war Gerechtigkeit dasselbe wie der Wunsch nach Rache, und in der Bergpredigt heißt es nicht ohne Grund: "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden."

Jeder echte Christ und jeder aufrichtig Gläubige weiß das. Aber Theorie und Praxis sind – wie immer – bekanntlich zweierlei.  

 

   Es ist eine Erfahrung unzähliger Menschen, dass die Befriedigung von Rache nicht zur erwünschten Erleichterung geführt hat. Erst die Vergebung, das Loslassen der inneren Verbindung zur Tat, führte zu diesem Ziel. Rache ist wie die vermeintliche Tat selbst einer sehr niedrigen Bewusstseins-Schwingung zuzuordnen. 

 

  Es bekommt uns selbst besser, wenn wir `Strafe´ nicht als Racheakt verstehen, sondern unser Bewusstsein ausdehnen auf das Wohl aller Menschen. Das bedeutet, die Taten in den richtigen Zusammenhang zu setzen und Bestrafung bei schlimmeren Vergehen in erster Linie als Maßnahme zu verstehen, andere vor den Tätern zu schützen. Zuweilen auch diese vor sich selbst. 

 

   Darauf zu vertrauen, dass die karmischen Gesetze absolut gerecht sind und zuverlässig vollzogen werden, ist hilfreich. Zuweilen finden wir uns dabei in der Rolle des Vollstreckers wieder, manchmal findet die karmische Antwort erst in einem anderen Leben statt. Es steht uns kein Urteil darüber zu, weder bei uns selbst noch bei anderen, welchen Weg Gott für den richtigen hält.  

Im Vordergrund steht für Ihn stets das Wachstum der Seele, nicht die äußere enge Kleinkrämerseele unseres Egos. 

 

   Wahre Vergebung zieht ein Gefühl der Ruhe und des Friedens nach sich, weil sie der höchsten göttlichen Wahrheit und dem, was wir in unserem Innersten sind, nicht zuwiderläuft, sondern entspricht. Je mehr wir eins mit unserem seelischen Wesen werden, umso klarer erkennen wir die tiefere oder höhere Wahrheit hinter den äußeren Ereignissen, und umso leichter fällt es uns, zu vergeben.

 

    Unser Seelenwachstum und unser daraus resultierendes Bewusstsein, das sich von Leben zu Leben immer mehr der göttlichen Wahrheit annähert, ist eine unwiderlegbare Tatsache und führt zu Dankbarkeit und einer gesunden De-Mut. 

 

 

   Bis wir erkennen, dass Vergebung nur ein vorübergehendes Mittel auf unserem evolutionären Weg war und dass es nichts zu vergeben gibt. Weder anderen, noch uns selbst.

 

 

 

 

  Christen und Vaishnavas preisen die Vergebung; doch ich frage mich: “Was hätte ich zu vergeben und wem?"

 

 Prüfe dich erbarmungslos, und du wirst dich deinen Mitmenschen gegenüber gütiger und mitfühlender verhalten.

 

Sri Aurobindo

 

 

Sehr gut! Das ist sehr gut.

Das tut allen gut, nicht wahr?

Besonders den Leuten, die sich für sehr überlegen halten.

Aber es entspricht wirklich etwas sehr Tiefem. ...

Es entspricht einem Zustand, in dem man sich so VOLLKOMMEN mit allem identifiziert, was existiert, dass man konkret zu all dem wird, was anti-göttlich ist – worauf man es hingeben kann. Man kann es hingeben und durch dieses Opfer wirklich transformieren. 

 

Die Mutter

 

 

 

 

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