Wenn dieser Ashram nur dazu da wäre, dem Hinduismus zu dienen, wäre ich nicht hier und die Mutter, die nie eine Hindu war, wäre auch nicht hier.
Was hier getan wird, ist die Vorbereitung einer Wahrheit, die alle anderen Wahrheiten einschließt, aber nicht auf eine einzige Religion oder ein Glaubensbekenntnis beschränkt ist, und diese Vorbereitung muss abseits und in der Stille geschehen, bis die Dinge bereit sind.
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Was Sie über islamische Ideale sagen, so sollten Sie bedenken, dass alles, was aus der Vergangenheit als Material für die Zukunft aufbewahrt werden muss, von selbst und automatisch in die neue Schöpfung aufgenommen wird, wenn die Dinge bereit sind und das volle Licht und die volle Kraft am Werk sind. Es ist für niemanden notwendig, islamische Ideale oder hinduistische oder christliche Ideale zu repräsentieren oder zu vertreten; wenn irgendjemand hier meint, für das eine oder andere stehen zu müssen, macht er einen Fehler und wird wahrscheinlich unnötige Engstirnigkeit, Zusammenstöße und Opposition erzeugen. In der spirituellen Erfahrung gibt es keinen Gegensatz oder Zusammenstoß zwischen ihnen; es ist nur der äußere menschliche Verstand, der sie fälschlicherweise gegeneinander stellt.
Wir sind hier, um eine neue Schöpfung zu kreieren, in der es eine größere versöhnende Wahrheit gibt als alles, was in der Vergangenheit war; aber was versöhnen und neu erschaffen wird, ist die Kraft, das Licht und das Wissen, das von oben kommt. Es ist daher wichtig, sich auf diese Macht, das Licht und das Wissen vorzubereiten; erst wenn diese herabkommen, wird alles richtig gemacht werden. Ohne das Licht und das Wissen kann der Einzelne nichts richtig machen.
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Für starre Orthodoxie, ob Hindu, Mohammedaner oder Christ, ist in der Zukunft kein Platz. Wer an ihr festhält, verliert den Halt im Leben und geht unter – wie das Schicksal der Hindus in Indien und der orthodoxen mohammedanischen Länder in der ganzen Welt gezeigt hat. Nur dort, wo eine Öffnung für neues Licht und unvermeidliche Veränderungen stattgefunden hat, kehrt die Kraft zurück, wie in der Türkei und in Persien. In der supramentalen Schöpfung wird die fundamentale Wahrheit immer einen Platz finden; aber Orthodoxie bedeutet ein Festhalten an engen Beschränkungen, und Beschränkungen dieser Art können in der supramentalen Schöpfung nicht existieren. Alles, was dauerhaft wahr ist, wird in die Schöpfung der Zukunft aufgenommen werden.
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Wenn es darum geht, seine Vergangenheit aufzugeben, und das bedeutet, die äußeren Formen der alten Religionen aufzugeben, so wird dies von den Hindus hier ebenso getan wie von den Mohammedanern. Jeder Hindu hier – auch diejenigen, die einst orthodoxe Brahmanen waren und damit alt geworden sind – gibt jegliche Beachtung der Kaste auf, nimmt Essen von Parias an und lässt sich von ihnen bedienen, verkehrt und isst mit Mohammedanern, Christen, Europäern, praktiziert keine Tempelverehrung oder Sandhya (tägliches Gebet und Mantras) mehr, akzeptiert einen Nicht-Hindu aus Europa als seinen spirituellen Führer. Dies sind Dinge, die Menschen, die den Hinduismus als Ziel und Zweck haben, nicht tun würden – sie tun es, weil sie hier verpflichtet sind, auf ein höheres Ideal zu schauen, in dem diese Dinge keinen Wert haben.
Was vom Hinduismus erhalten bleibt, sind Vedanta und Yoga, in denen der Hinduismus eins ist mit dem Sufismus des Islam und mit den christlichen Mystikern. Aber auch hier sind es nicht Vedanta und Yoga in ihren traditionellen Grenzen (ihrer Vergangenheit), sondern erweitert und von vielen Ideen befreit, die den Hindus zu eigen sind.
Wenn ich Begriffe und Bilder aus dem Sanskrit verwendet habe, dann deshalb, weil ich sie kenne und kein Persisch oder Arabisch kann. Ich habe nicht die geringsten Einwände dagegen, dass sich jemand hier von islamischen Quellen inspirieren lässt, wenn sie mit der Wahrheit übereinstimmen, so wie der Sufismus mit ihr übereinstimmt. Andererseits habe ich nicht das Geringste dagegen, dass der Hinduismus in Stücke gerissen wird und von der Erde verschwindet, wenn das der göttliche Wille ist. Ich hänge nicht an vergangenen Formen; was Wahrheit ist, wird immer bleiben; die Wahrheit allein zählt.
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Der Asram hat nichts mit der hinduistischen Religion oder Kultur oder irgendeiner Religion oder Nationalität zu tun. Die Wahrheit des Göttlichen, die die spirituelle Realität hinter allen Religionen ist, und die Herabkunft des Supramentalen, das keiner Religion bekannt ist, sind die einzigen Dinge, die die Grundlage für die Arbeit der Zukunft sein werden.
Auszug aus Antworten Sri Aurobindos
zu Fragen der Ashramschüler
aus dem Jahr 1932
Gott kann man nur ERFAHREN.
Um Ihn irgendwann zu erfahren, muss man den GLAUBEN aufbringen,
dass dies eine erfahrbare Realität ist.
GLAUBE führt zur totalen HINGABE,
als Grundvoraussetzung dafür, eins mit der eigenen göttlichen Essenz zu werden,
deinem wahren SELBST.
Nichts davon ist beweisbar, sonst wäre kein Glaube nötig.
Das steht überall geschrieben.
Das trifft auf alle Menschen dieser Erde zu, egal welchem Kulturkreis sie entstammen und welcher religiösen Glaubensgrundlage sie anhängen.
Noch halten viele Menschen ihre eigenen Glaubensmuster für die einzig richtigen. Sie sind die Basis für ihre momentane Identität, ihr äußeres Selbstbild und geben ihnen ein Gefühl der Sicherheit, solange niemand daran rüttelt. Oft genug wurden diese Glaubensmuster jedoch gespiegelt durch andere, dann übernommen und nie mehr hinterfragt.
Meist kann man sie nicht sofort ablegen, sobald man bewusst den spirituellen Pfad betritt. Zudem besitzt unser seelisches Wesen seine eigene individuelle Prägung; sie ist gewollt und hat sich im Laufe der Evolution ausgeformt, indem wir immer wieder in unterschiedliche Inkarnationen `schlüpften´ und auf diese Weise einzigartige Erfahrungen machten. Deshalb nähert sich jeder Mensch auf seine ganze eigene Weisen dem Göttlichen an, ein individueller Weg, der sich nicht eins zu eins auf andere Menschen übertragen lässt; auch, wenn es einige allgemeingültige spirituelle Gesetzmäßigkeiten gibt. Darum findet man diese eingebildete Trennung auch noch unter spirituellen Aspiranten und erlebt, wie sie sich streiten oder eifersüchtig ignorieren. Die Verwirklichung der Vielfalt in der Einheit ist die schwerste aller Aufgaben, die wir als Menschheit noch zu leisten haben.
Aus diesem Grund wiederum wird dir, wenn du berufen bist, zuweilen alles entzogen, was du liebst: nicht nur materiell, auch geliebte Menschen, Freunde und Familienangehörige. Es wird dir nichts Äußeres mehr gelassen, worauf du dich stützen und dein Selbstbild gründen könntest. Erst dann hast du die Chance, zu fühlen, was dich wirklich schützt und trägt.
Hast du diesen festen Grund erspürt, denn diesen braucht es ab da, wird Gott dich fortan wie ein Bildhauer von allen falschen Vorstellungen und äußeren Krücken befreien. Er bricht dein Sein auf bis hinein in deine innersten Bereiche, von denen du nicht einmal ahntest, dass sie existieren, und er läutert sie so lange, bis deine wahre göttliche Essenz ohne jede Begrenzung hervorstrahlt.
Wenn jede Trennung verschwindet, sind alle vormals entgegengesetzten Möglichkeiten der Wahrnehmung für immer ausgesöhnt. Sie werden erkannt als willkommene Vielfalt des göttlichen Ausdrucks und bleiben nebeneinander bestehen in vollkommener Harmonie.
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Welche Rolle spielt es dann noch, welcher Religion du angehört hast, in welchem Kulturkreis du in diesem Leben (!) inkarniert bist oder was andere Menschen über dich denken?
Und plötzlich ist dir klar, weshalb all diese lächerlichen und dennoch gefährlichen Versuche von allen Seiten vorgenommen wurden, dich von genau dieser Erfahrung fernhalten zu wollen. Denn wahr ist nur, was du selbst erfahren hast.
